23.09.2008 - 08.03.2009
"the downward spiral:
Am Ende war das Wort"
Eine Collage aus Stücken des Absurden Theaters als Klassenspiel mit der 12. Klasse an der FWS Würzburg
Ein Stück absurde (Theater-)Welt im Zeichen globaler Krisen
Der Begriff "Notleidende Banken" - im Januar 2009 zum Unwort des Jahres 2008 gewählt - hätte Anregung zum aktuellen Theaterstück der 12. Klasse an der FWS Würzburg sein können: Die Personifizierung der allmächtigen Wirtschaft, der die Reduzierung des Menschen zum Wirtschaftsfaktor vorausgeht, stellt die Realität auf den Kopf. Identitätsverlust und Sinnleere resultieren in dekadenten Ersatzbefriedigungen. Sie werden im scheinbaren Glanz einer virtuellen Welt kompensiert und verursachen so eine Abwärtsspirale im Spannungsverhältnis zwischen Sein und Schein.
Hier knüpft das Stück "The Downward Spiral: Am Ende war das Wort" an: Mit einer geschickten Szenenfolge aus verschiedenen Stücken des Absurden Theaters, immer wieder von Darstellungen gesellschaftlicher Dekadenz gestört, stellt dieses Theaterprojekt ganz im Sinne der verwendeten Autoren Beckett, Ionesco, Albee und Vian "das absurde einer unechten Lebensführung bloß" (vgl. Esslin - "Das Theater des Absurden"). Über all dem schwebt - gleich einem Damoklesschwert - der Thron Gott Vaters: Der erste Akt aus Oskar Panizzas "Das Liebeskonzil", einem Skandalstück des ausgehenden 19. Jahrhundert, bildet die passende Rahmenhandlung zu dieser ungewöhnlichen Collage.
"Ja, warum wackelt der heilige Thron?" - "Dummes Gänschen! Weil hier sowieso alles aus dem Leim geht und lidschäftig wird, Götter und Möbel, Fransen und Tapeten."
Der Himmel ist heruntergekommen, Gott Vater in einem erbärmlichen Zustand. Seit Jahrtausenden stellt er allmorgendlich emotionslos die Frage "Rollt die Erde noch in ihren Sphären?" und bekommt, ebenfalls seit Jahrtausenden, zur Antwort "Die Erde rollt in ihren Sphären!". Längst hat er das Interesse an seiner Schöpfung verloren, längst wird er, unter dem Pantoffel Marias stehend und den in Apathie versunkenen Christus an seiner Seite, von Engeln und Menschen verlacht. Erst der Bericht eines Boten über die gotteslästerlichen Zustände auf der Erde rüttelt Gott Vater auf und erweckt seinen Unmut. Er beschließt, die Menschheit zu vernichten, will aber zunächst - mittels Räucherwerk und Drogen - selbst einen Blick auf die Erde werfen.
Was er dort sieht, mindert jedoch keineswegs seinen Zorn: Streitsüchtige Egozentriker, dekadente Spießer, machtbesessene Emporkömmlinge und gleichgültige Alkoholiker, die auf der von Hoffnungs- und Sinnlosigkeit geprägten Erde umherirren - unberechenbar, aggressiv, widersprüchlich, monoton und selbstzerstörerisch.
In unermesslichem Zorn sich gegen die Menschen wendend - "Ich will sie zerschmeissen - zertreten - im Mörser meines Zorns - zerschmettern!" - bricht Gott Vater jedoch aufgrund seiner längst verlorenen Macht und Kraft nur auf dem eigenen Thron zusammen, während die Menschen ihre Vernichtung selbst herbeiführen: Die Abwärtsspirale in den großen Crash, das Ende der Welt.
Und dann? - Langsam, ganz langsam und behutsam entsteht aus Dunkelheit und Stille etwas Neues ...
... am Ende war das Wort.
"The Downward Spiral: Am Ende war das Wort" ist ein Stück, das aus lauter Stücken besteht, die am Ende doch irgendwie zusammenhängen. Ein bizarres Stück, das zum Lachen komisch und doch unangenehm direkt ist. Ein Stück Reflexion über eine immer unechtere virtuelle Welt.
Die Premiere fand am 6. März um 20:00 Uhr auf der Neuberg-Bühne in der FWS Würzburg statt.
Materialien (anklicken zum Herunterladen):
- Programmheft
- "So absurd ist die virtuelle Welt" (Main Post, .03.09)
- Fotos
15.04. - 23.07.2008
Die rote Zora kehrt zurück"
Ein Projekt der Theater-AG an der Riedsee-Grundschule Stuttgart-Möhringen
Dreizehn Unterrichtseinheiten à 90 Minuten war die Vorgabe der Schule, den Film "Die Rote Zora" als Stück auf die Bühne zu bringen der Wunsch der Schüler.
Daraus hat sich in der ersten Projekthälfte zunächst eine intensive, prozessorientierte theaterpädagogische Vorbereitung mit Spielen, Übungen und Improvisationen ergeben. Die zweite Hälfte umfasste dann die Arbeit an einem daraus resultierenden frei nach "Die Rote Zora" entworfenen, einfachen Bühnenstück: Das Thema des Films, die soziale Ungerechtigkeit, wurde mit den "gealterten" Charakteren des Films in die Gegenwart versetzt.
Wesentlicher pädagogischer Inhalt der Arbeit war, in der aus freiwilligen und unfreiwilligen Teilnehmern bestehenden Gruppe eine gemeinsame Dynamik aufzubauen, um so Schwächen auszugleichen und Stärken zu fördern.
In der ersten Projekthälfte hat die unterschiedliche Motivation der Schüler zu letztendlich produktiven Konflikten geführt, durch die jeder seine Aufgabe und seinen Platz in der Gruppe und im Stück gefunden hat. Dies war Voraussetzung für die zweite Projekthälfte, die die Proben für eine öffentliche Bühnenpräsentation zum Inhalt hatte. Dabei wurden die Schüler aufgrund des sehr engen Zeitplans zeitweilig bewusst sehr stark gefordert, was immer wieder die gegenseitige Toleranz innerhalb der Gruppe auf die Probe gestellt hat.
Die Arbeit hat zu einer sehr positiven Stimmung und einer produktiven, sich selbst regulierenden Dynamik in der Gruppe geführt, woduch schließlich auch eine sehr schöne Aufführung möglich wurde.
Die Präsentation des Ergebnisses fand im Rahmen der Entlassung der 4. Klassen am 23. Juli 2008 um 10:00 Uhr im Bürgerhaus Möhringen statt.
Materialien (anklicken zum Herunterladen):
- Erarbeitete Stückfassung
- Fotos
01.03. - 15.07.2007
"Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung"
Eine Komödie von Christian Dietrich Grabbe als Klassenspiel mit der 12. Klasse an der FWS Freiburg-Rieselfeld
Seit über 2000 Jahren war die literarische Welt in Ordnung: Gehorsam hielten sich alle Literaturgrößen an die von Aristoteles in der Antike abgefassten Regeln der Dichtkunst: Die "Peri Poietikes" war Grundlage für Erfolg und Anerkennung von Shakespeare bis Goethe, von Molière bis Kleist und von Calderón bis Lessing.
Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts...
... und dann kam Grabbe!
Die Einheit von Ort, Zeit und Handlung wurde abgeschafft, die Ständeklausel aufgehoben, die lineare Handlungsfolge verworfen und die geformte Sprache aufgegeben - das offene Drama war geboren.
Christian Dietrich Grabbe, geboren am 11. Dezember 1801, gilt als der bedeutendste Erneuerer des deutschen Dramas. Sich von Klassik, Romantik und Biedermeier seiner Zeit klar distanzierend war er Vorbild für Vertreter aller nachfolgenden Literaturepochen. Zeitgleich mit Georg Büchner schaffte er die Basis für das moderne Drama.
"Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung", das zweite große Drama Grabbes, ist bis heute eine der wirkungsvollsten deutschen Komödien und steht am Anfang dieser Erneuerung. Die zynisch-groteske Komödie entblößt schonungslos die Gesellschaft seiner Zeit, was ihr - angesichts Grabbes eigener Biografie - einen tragischen Kern verleiht: Das Lachen wird im sich gegenüber Entwicklungen und Veränderungen - und damit auch Grabbe gegenüber - verschließenden Umfeld zum "Lachen der Verzweiflung".
Hier knüpft die von mir mit der 12. Klasse der FWS Freiburg-Rieselfeld inszenierten Stückfassung an das Höhlengleichnis von Platon als Interpretationsbasis an:
Drei Ebenen liegen dem Höhlengleichnis ebenso wie Grabbes Komödie zugrunde: Zum einen die Ebene der rein sinnlichen, in Erkenntnis- und Abstraktionsfähigkeit eingeschränkten Wahrnehmung des "einfachen Volkes" - die gefesselten, auf die Schattenbilder an der Höhlenwand starrenden Menschen im Höhlengleichnis und die vom Biedermeier geprägte, weltverschlossene Dorfgemeinschaft in Grabbes Komödie. Zum zweiten die Ebene der illusionserzeugenden Menschen, die Kenntnis von der wahrhaftigen Welt haben und diese in der Höhle als Schatten abbilden - im Drama der mit den Menschen der Dorfgemeinschaft spielende Teufel. Die dritte Ebene beschreibt Platon im Höhlengleichnis als den Zugang zum erweiterten abstrakten und philosophischen Denken: Das Schauen der Sonne ist Sinnbild für den höchsten Grad der Erkenntnis. In Grabbes Stück entspricht dies dem am Ende des Dramas auftretenden Verfasser selbst, der Kenntnis von allen Zusammenhängen hat, da er das Stück selber geschrieben hat.
Die gewählte Darstellungsform greift diese drei Ebenen auf: Zum einen auf der Hauptbühne, der Ebene des Illusionstheaters, auf der die Darsteller in die Rollen des Stückes schlüpfen und diese "klassisch" spielen. Zum zweiten auf der Nebenbühne, von der einerseits die inaktiven Darsteller und andererseits Regie und "Autor" den Verlauf des Stückes beobachten und gegebenenfalls beeinflussen. Als dritte Ebene verstehe ich das Publikum, das sich die Aufführung anschaut, dabei alle Ebenen durchschaut und damit in das Spiel integriert ist.
Auch die Bühnen- und Kostümgestaltung greift die Spannung zwischen den Ebenen auf: Handlungsorte und Rollencharakteristika werden abstrakt abgebildet, auf der Illusionsebene bespielt, von den inaktiven Spielern eingesetzt und vom Publikum erkannt. Auf naturalistische Bühnenelemente wird weitestgehend verzichtet, die Struktur des Dramentextes wird immer wieder aufgelöst und die Theaterillusion wird durch eine offene Darstellung der geschaffenen Ebenen vielfach durchbrochen.
Die Premiere fand am 13. Juli um 20:00 Uhr im Foyer-Theater an der FWS Freiburg-Rieselfeld statt.
Materialien (anklicken zum Herunterladen):
- überarbeitete Stückfassung
- Programmheft
- Platons Höhlengleichnis
- "Der Teufel als Meister aller Illusion" (Badische Zeitung, 17.07.07)
- Fotos
02.05. - 15.06.2005
"MusikTheater - Von Musik zu Theater"
Theaterpädagogisches Abschlussprojekt mit Schülern der Theater-Akademie-Stuttgart
Das Konzept "MusikTheater - Von Musik zu Theater" habe ich Anfang 2006 entwickelt und als praktisches Abschlussprojekt für das Studienfach Theaterpädagogik vom 2. Mai bis zum 15. Juni 2006 mit acht Schülern der Theater-Akademie-Stuttgart durchgeführt.
In dem Konzept geht es um die intensive Betrachtung eines Musikstücks als Grundlage für eine daraus resultierende kreative Theaterarbeit. Dabei stehen die Förderung von differenzierter Wahrnehmung, von Phantasie und darstellerischem Ausdruck, von gemeinschaftlichen künstlerischen Prozessen sowie die Abgrenzung und Integration des Individuums zur Gruppe im Mittelpunkt.
Im Gegensatz zu dem Konzept "Szenische Interpretation von Musiktheater" (W. M. Stroh, 1986) geht es nicht darum, Zugang und Darstellung der vorgegebenen Inhalte eines Musikstücks zu erarbeiten, sondern der Musik aus den bei den Hörern entstehenden individuellen Bildern und Stimmungen eine gemeinsame ganz neue Ebene, die Ebene des frei assoziierten darstellenden Spiels, hinzuzufügen.
"MusikTheater - Von Theater zu Musik" gliedert sich in drei Arbeitsschritte:
• Zunächst wird den Teilnehmern das zu betrachtende Musikstück als Ganzes vorgespielt. Dabei sollen sie offen für die Bilder und Stimmungen sein, die in ihnen beim Hören entstehen.
• Im zweiten Schritt werden das Musikstück und die entstandenen Bilder und Stimmungen differenziert betrachtet. Es wird untersucht, welche Stimmebenen der Musik wahrnehmbar waren und welche davon die Bilder und Stimmungen im Hörer ausgelöst haben.
Jeder Teilnehmer entscheidet sich in dieser Phase für eine der Stimmebenen, denen er prägnante Charaktermerkmale zuordnet. Aus diesen Charakter merkmalen zusammen mit den zuvor entstandenen Bildern und Stimmungen entwickeln die Teilnehmer individuelle Rollenprofile.
• Der dritte Schritt führt nun sowohl die musikalischen Elemente als auch die Teilnehmer mit ihren individuellen Rollenprofilen in einem freien Improvisationsspiel (wieder) zusammen. Dieses Spiel wird dann immer konkreter an die Musik angebunden, bis schließlich ein wiederholbares szenisches Spiel in unmittelbarer Verknüpfung mit dem Musikstück - eine Art Schauspielchoreografie - entsteht.
In meinem Abschlussprojekt vom 2. Mai bis zum 15. Juni 2006 diente als zentrales Musikstück "The Sky is broken" von Moby, da dieses Stück sehr klar in seine unterschiedlichen musikalischen Stimmebenen differenzierbar ist.
Parallel zu der Arbeit an der Musik habe ich dabei das Prinzip des a) Betrachtens des Ganzen, b) Zerlegen des Ganzen in seine Einzelteile zur differenzierten Betrachtung und c) Wieder-Zusammenfügen der Einzelteile zu einem neuen Ganzen auch auf ein Unterprojekt in die bildende Kunst übertragen: Jeder Teilnehmer hatte hierzu einen persönlichen Gegenstand mitzubringen, der während des Projekts in seine Einzelteile zerlegt und schließlich zu einem neuen Ganzen zusammengefügt wurde. Die entstandenen Skulpturen wurden in die darstellerische Arbeit einbezogen.
Die Präsentation des Projekts als praktische Abschlussprüfung im Fach Theaterpädagogik fand am 15. Juni um 17:00 Uhr an der Theater-Akademie-Stuttgart statt.
Materialien (anklicken zum Herunterladen):
- Konzept "MusikTheater - Von Musik zu Theater"
- Fotos